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Im Rahmen von Abi in Concert 2022 zeigte Anna Ellingen (Q2) wie stark die Sprache sein kann, wenn man sie in der richtigen Weise nutzt. Daher möchten wir euch vom BlogHaus diesen wunderschönen Poetry Slam nicht vorenthalten, der sicher den einen oder die andere zum Nachdenken anregen wird - viel Freude damit!

 

Schweigen

Die Abende werden wohl länger werden.
Die Nächte kürzer und laut.
Gespräche werden wohl später sterben
Und tanzende Körper berauscht.


Die Tage werden wohl wärmer werden.
Die Sonne heiß und prall.
Die Sommer werden die Welt wohl färben
Und singende Stimmen das All.


Die Menschen leben ihr Leben,
laufen hindurch mit Tunnelblick
Und während ringsrum die Seelen beben,
Kriegen wir beinah nichts davon mit.


Drehen uns weg, verschließen die Augen
Wollen nicht sehen was da passiert,
Wollen und können und werden nicht glauben:
Auch wir sind schuld, sind kalt und verirrt.


Die Menschen müssten doch wärmer werden!
Ihre Herzen liebend und weit.
Wenn Seelen weiter schreien und sterben
Im Hilferuf dieser Zeit.


Doch wir hör‘n und sehen nicht,
kehren dem Leid unseren Rücken hin,
Merken wie unser Rückgrat bricht,
Unter Mitschuld und Lügen und Sinn.


Wie tausend Messer werden uns wohl
die Fragen und Blicke treffen,
Die Augen leer und kalt und hohl,
„Wie fühlt es sich an? Das Vergessen?“


Die Seelen sie müssen doch wild sein und toben,
Bei dem was da gerade geschieht.
Aus dem Schweigen, da haben sich Stimmen erhoben,
Die Schreien, damit man sie sieht.


In diesem ohrenbetäubenden Schweigen,
Müssen Stimmen Rufe sein.
Lasst uns auf Weltendächer steigen
Und unsere Stimmen dort verein.


Damit sie dann, wie Regentropfen,
In diesem lauten Schweigen landen,
An Türen des Gewissen klopfen
Die verstaubt im Schweigen standen,
Seit die Welt im Schweigen lag.


Doch das Schweigen, es spannt seinen Schirm,
hört Prasseln, doch spürt keinen Regen
runzelt ein wenig genervt seine Stirn,
doch wird sich kein Stück weg bewegen.


Im Schweigen, da scheint meine Stimme so kraftvoll,
Und so laut wie im Luft-leeren Raum.
Wird verschluckt vom großen Groll,
Verschluckt von Grenzen und Zaun.


Und der Groll, er stürzt sich auf sie.
Schluckt die Stimmen, schluckt die Worte,
Das Schweigen ist so laut wie nie
Verschluckt ganze Welten und Orte.


Kann die Welt denn wärmer werden?
Kann Schweigen selbst ein Mittel sein?
Für Veränderung auf Erden,
Um die Seelen zu befrein.


Hielt ich für jedes Unrecht dieser Zeit,
eine Schweigeminute ab,
Hüllte ich mich in ein stilles Kleid,
Der Raum für Wort wäre knapp.


Aber vielleicht ist Schweigen ja stärker.
Hätte das Schweigen mehr Macht,
sperrte ich Worte in Seelenkerker
Und legte ein Schweigegelübde ab.


Aber Worte sind meine Waffen,
Sind mein Schutz, meine Begleiter
Mit ihnen kann ich Veränderung schaffen,
Bei mir und im Kleinen, dann weiter und weiter.


Kann in Gesprächen, in Gedichten
immer wieder Worte nutzen,
Kann Unrecht und Gefahr belichten,
Dem Schweigen seine Klauen stutzen.


Schreie mich auf Demos heiser,
Bring Seele in die Poesie,
Mein Protest wird manchmal leiser,
Doch verstummen wird er nie.


Worte werden mehr als Regen,
Worte können Flüsse sein,
Die erneuern und bewegen,
Die erfrischen und befreien.


Wenn die klaren Wasser fließen,
Kleine Tropfen großen Glücks,
Ideen so wie Blumen sprießen
Stiller Fluss zum Quell zurück.

Doch zu oft versperrt der Staudamm,
Strenger Normen seinen Weg
Und die Worte werden grausam
Klares Wasser, steht, vergeht.

Dann fließt Gift in seinem Bette,
Langsam, wie im feuchten Moor,
Gedanken reihen sich zur Kette
Gefangenheit steht nun bevor.

Wenn die Wasser nicht mehr frei sind,
Alles stetig, stumpf, verstellt
Nicht nur Augen werden blind,
Wenn der Damm zu vieles hält.

Und die Wasser die er führt,
Brechen mit Gewalt dann aus,
Und kein Halt vor Damm und Tür,
Verschont euch mehr im alten Haus.

Und so lasst die Bäche fließen,
und die wilden Flüsse auch
Lasst Emotionen sich ergießen,
umhüllt von kreativem Hauch.

Auch ihr könnt eure Worte zeigen,
Könnt von Krieg und Frieden sprechen
Könnt ein Fluss sein, der das Schweigen,
biegt und schließlich wird es brechen.


Und die Abende werden wohl später sterben.
Die Nächte laut und gefüllt,
Von Worten, die Proteste werden,
Während jedes Schweigen brüllt.


Das Schweigen wird wohl leiser werden
Die Worte warm und wild
Gerechtigkeit wird die Welten färben
Und unsere Herzen mild.